Die Bundesrepublik Deutschland ist ein freiheitlich-demokratischer Staat, in dem die demokratischen Werte in der Verfassung fest verankert sind. Da die Menschen zu einem großen Teil durch die Schule geprägt werden, erscheint es in einem solchen Staat eigentlich selbstverständlich, dass sein Schulsystem diesen Grundsätzen genügt sowie dessen Aufgabe darin sieht, den Menschen diese Grundsätze nahe zu bringen. Doch eben dieses tut unser Schulsystem nicht.
Als erstes ist die Schulpflicht zu nennen, diese schränkt die im Grundgesetz garantierten Grundrechte in massivem Maße ein, wobei auch der Besuch der Oberstufe unter diesen Begriff der Schulpflicht fällt, da es nicht möglich ist, ohne Abitur zu studieren, es besteht also ein Zwang, sich an einer Schule anzumelden, wenn man seinen Wissenshorizont erweitern bzw. einen höher qualifizierten Beruf ergreifen möchte.
Die Schulpflicht in Deutschland beinhaltet aber auch die Pflicht, Schulfächer zwangsweise zu belegen, der Schüler kann so gut wie gar nicht selber entscheiden, was er lernen will. Durch diesen Zwang wird den Schülern ständig beigebracht, dass man nicht darüber nachdenken soll, was Autoritäten von einem Verlangen, es wird jeden Tag von den Schülern erwartet, ohne Reflektion über den Sinn der eigenen Tätigkeit einfach das zu tun, was der Lehrer verlangt. Dächte man über den Sinn nach, käme für den einzelnen Schüler oft genug dabei heraus, bestimmte Dinge nicht oder öfter noch nicht auf diese Art zu lernen. Dadurch erzieht man den Schülern Autoritätsgläubigkeit an, die gerade auch in einem demokratischen System auf das Schärfste abzulehnen ist. Den Menschen wird antrainiert, Dinge einfach hinzunehmen und damit zu leben, denn etwas verändern zu wollen, hat ja doch keinen Sinn. Diese These ist nicht einfach aus der Luft gegriffen, ich habe in meinem eigenen Schülerleben mehrere Aussagen von Schülern gehört, dass man manche Dinge eben einfach tun müsse, auch wenn man sie für falsch hielte! Der Durchschnittsschüler hat es nie gelernt, Dinge selber in die Hand zu nehmen, er bekam die besten Noten, wenn er das tat, was der Lehrer von ihm wollte, möglichst ohne selber darüber nachzudenken (beliebte Klausurfrage: "Was wollen sie hören?" und nicht "Was ist richtig?").
Die Schulpflicht ist aber keineswegs ein notwendiges Übel, objektiv gesehen gibt es keinen Grund für ihre Aufrechterhaltung. Dem jetzigen Schulsystem liegt das Bild eines unmündigen Schülers zugrunde, dem erst durch Zwang gezeigt werden muss, was ihn zu einem "anständigen" Menschen macht, ohne die "Hilfe" der Gesellschaft wird er "unnütz" oder gar kriminell. Es wird ihm unterstellt, ohne ständigen Zwang nichts zu lernen sondern nur zu faulenzen und "unnütze" Dinge zu tun.
Nun ist es aber so, dass dem Menschen ein Lernwille angeboren ist, kleine Kinder begeistern sich für alles neue und freuen sich auf ihren ersten Schultag, ohne dass von irgendeiner Seite Zwang angewandt wird. Jedes Kind freut sich darauf, endlich die vielen unbekannten Zeichen entziffern zu können, wenn es Lesen gelernt hat! Erst wenn ihnen durch die Schule die Lust am Lernen genommen wird, beginnen sie nur noch zu lernen, wenn sie dazu gezwungen werden.
Der Grund hierfür ist darin zu suchen, dass die Schüler gezwungen werden, Themen zu lernen, die sie entweder gar nicht, nicht zu diesem Zeitpunkt oder nicht auf diese Art interessieren. Es wird ihnen nicht die Wahl gelassen, selber zu entscheiden, was sie lernen möchten und was nicht, diese Entscheidung wird von anderen Menschen getroffen, die sich anmaßen, besser zu wissen, was gut für den Schüler ist. Unter vielen Pädagogen herrscht sogar die Meinung vor, dass die Schüler den Lehrern später dankbar für den angewandten Zwang sein werden! Aber warum muss sich ein Schüler z.B. mit hoher Mathematik quälen, wenn er diese in seinem späteren Leben nie wieder benötigen wird? Für so gut wie alle Berufe muss man sich nur in einem engen Fachbereich auskennen, für das Berufsleben wird er sie also nicht benötigen, wenn seine beruflichen Interessen in einem anderen Bereich liegen.
Von einigen Pädagogen wird hierauf das Argument gebracht, dass es für die späteren Entscheidungsträger wichtig sei, sich in vielen Bereichen auszukennen, um in unserer komplexen Welt Auswirkungen von Handlungen besser zu verstehen und man die Schüler daher auch gegen ihren Willen zwingen müsse, sich mit diesen Themen zu beschäftigen. Sicherlich ist es wichtig, dass Entscheidungsträger eine hohe Allgemeinbildung haben, doch hat es keinen Sinn, Menschen Wissen einzuprügeln, ohne dass ein Interesse für das Thema vorhanden ist, welches vermittelt werden soll. Das menschliche Gehirn speichert während des Lernens nicht nur den Stoff, sondern auch die mit dem Lernen verbundene Lernsituation1, d.h., dass jemand, der gegen seinen Willen gezwungen wird, etwas zu lernen, mit dem Lernthema immer auch das schlechte Gefühl beim Lernen speichert und so in seinem späteren Leben eine Abneigung gegen dieses Thema haben wird. Die Entscheidungen dieses Menschen sind dann gerade von Subjektivität geprägt, es wird also unter Umständen genau das Gegenteil dessen erreicht, was man eigentlich wollte.
Außerdem ist es auch nicht nötig, dass man sich mit allen Themen zur gleichen Zeit befasst, bei vielen Menschen kommt das Interesse für einige Themen erst nach der Schule. Was spricht dagegen, erst mit 30 die höhere Mathematik zu entdecken?
Es gibt einige Kritiker, die meinen, dass in einer Schule ohne Schulpflicht nur eine Minderheit "genügend" lerne, da die anderen nicht fähig seien, die für sie beste Entscheidung zu treffen. Abgesehen von dem bei jedem Menschen existierendem Interesse, neues zu lernen (wie oben ausgeführt), ist hierzu zu sagen, dass unsere Demokratie Menschen voraussetzt, die nach sorgfältiger Analyse die ihrer Meinung nach beste Entscheidung treffen und nicht blind Autoritäten gehorchen. Sollte es nun aber nicht möglich sein, dazu eine Mehrheit zu befähigen, wäre es sicherlich besser, dieser Mehrheit das Wahlrecht zu entziehen!
Objektiv betrachtet gibt es also keinen Grund, die Schulpflicht aufrecht zu erhalten, durch Zwang werden die Lernerfolge sogar noch verschlechtert und außerdem die Autoritätsgläubigkeit der Menschen verstärkt! Folglich ist die Schulpflicht schnellstmöglich abzuschaffen und in ein Grundrecht auf Bildung umzuwandeln, jedem Menschen ist das unentgeltliche und einklagbare Recht des Schulbesuches einzuräumen, wobei er sich frei für die Themen entscheiden kann, die in Form von voneinander unabhängigen Kursen anzubieten sind.
Dieses Schulsystem hätte dann auch den bedeutenden Vorteil, dass man keine Benotung mehr benötigt, die Schüler würden auch ohne den Notenzwang lernen. Die negativen Folgen der Benotung in unserem heutigen System sind als genauso schlimm zu betrachten wie die Folgen der Schulpflicht: Den Schülern wird beigebracht, dass sich ihre Leistung über den Vergleich zu anderen Menschen definiert, die Note 2 ist nur dann gut, wenn nicht alle Schüler der Klasse mindestens eine 2 haben! Die Folge hiervon ist eine Verstärkung der Ellbogengesellschaft, die wir heutzutage beobachten können. Des weiteren verbessert eine Abschaffung der Benotung auch das Verhältnis zwischen Schülern und Lehrern, da so die Distanz zwischen ihnen verringert wird.
Dies alles ist keine bloße Theorie, alternative Schulformen beweisen, dass ein Lernen ohne Zwang funktioniert (Sudbury Schools, Summerhill) und ein solches Schulsystem noch nicht einmal teurer als das heutige ist!
Als letztes ist zu diesem Thema noch die offensichtliche Inkonsequenz des Gesetzgebers hinzuzufügen, dass deutsche Bürger mit 18 volljährig werden, aber die Schulpflicht (die sich ja auf ihrer Unmündigkeit begründet) weiterhin besteht (wie ich oben schon erläutert habe ist die eingeschränkte Schulpflicht in der Oberstufe praktisch nicht eingeschränkt).
Aber auch die Schulorganisation ist undemokratisch.
Die meisten Regeln einer Schule werden durch die Schulkonferenz festgelegt, man kann sie also als die Legislative betrachten. Die Exekutive wären dann die Lehrer mit dem Direktor als eine Art Präsidenten. Nun sind aber die Lehrer nicht von der Schulkonferenz gewählt, folglich also nicht demokratisch legitimiert. Außerdem gibt es für die Lehrer das Schlupfloch der "pädagogischen Entscheidung", die es ihnen ähnlich dem Art 48. der Weimarer Verfassung ermöglicht, Entscheidungen ohne die Schulkonferenz zu treffen.
Eine Gerichtsbarkeit nach rechtsstaatlichen Maßstäben fehlt völlig, diese wird auch noch von den Lehrern übernommen, der Beschuldigte erhält keine Möglichkeit, seine Sicht einem objektiven Richter mitzuteilen und außerdem legen die Lehrer die Strafen nahezu ohne Richtlinien fest! Die Lehrer stellen also zwei Gewalten gleichzeitig und können die Legislative ohne große Schwierigkeiten umgehen. Außerdem sind sie auch noch so gut wie unbestrafbar, einem Schüler sind die Hände gebunden, wenn er mit dem Unterricht nicht zufrieden ist. Er hat keine Möglichkeit, auf einfachem Wege Konsequenzen für den Lehrer herbeizuführen.
Zu diesen schon katastrophalen Zuständen kommt noch hinzu, dass die Schulkonferenz überhaupt nicht die Verhältnisse an der Schule repräsentiert, die Lehrer stellen ca. 10% der Menschen an einer Schule, aber 33% der Schulkonferenz. Die Eltern sind zu 0% an der Schule vertreten, stellen aber auch 33%. Nur die Schüler, die mit ca. 90% den größten Anteil haben, sind vollkommen unterrepräsentiert, auch sie stellen nur 33%! Aber nicht einmal diese 33% vertreten wirklich die Meinung der Schüler, das derzeitige System sieht so aus, dass jede Klasse einen Klassensprecher stellt, der aber durch das System noch nicht einmal dazu ermutigt wird, ein politisches Programm aufzustellen bzw. seine Leistung seiner Klasse vorzustellen! Als Folge davon werden einfach die beliebtesten Schüler gewählt, die die Schülerversammlungen meist nur aufgrund des Unterrichtsausfalls besuchen.
Die Folgen dieser Defizite sind ähnlich derer der Schulpflicht: Die Schüler lernen, dass Entscheidungen von Autoritäten gefällt werden und dass man sich an diese zu halten hat. Ich frage mich, wieso man sich unter diesen Umständen noch über eine wachsende Politikverdrossenheit wundert!
Auch für dieses System gibt es eine bessere Alternative, im Grundsatz ist unsere Verfassung auf das Schulleben zu übertragen, eine einzelne Beschreibung würde in diesem Artikel zu weit führen. Auch für dieses System gibt es an den oben schon genannten Schulen praktische Beispiele, die sehr gut funktionieren. Leider ist es nur möglich, die Schule so weitgehend zu demokratisieren, wenn die Schulpflicht schon nicht mehr existiert, aber auch in unserem heutigen System wäre zumindest ein deutliches Plus an Demokratie möglich, wobei man allerdings in diesem Bereich eine gewisse Verbesserung in den letzten Jahren feststellen konnte, die allerdings lange nicht weit genug geht.
Abschließend möchte ich noch die Frage stellen, warum unser Schulsystem eigentlich die Form hat, die ich oben beschrieben habe. Dazu muss man sich fragen, wem der Autoritätsglauben der Schüler nützt. Die Antwort auf diese Frage ist so selbstverständlich wie erschreckend: Der Politik und der Wirtschaft. Die Politiker haben es einfacher, wenn sie den Bürgern ihre Programme verkaufen können, ohne dass diese zu lange darüber nachdenken oder sich gar selber mit Verbesserungsvorschlägen einmischen (Die Entwicklung zu einer Mediendemokratie wie in den USA lässt sich inzwischen ja auch in Deutschland beobachten). Der Wirtschaft nützt der Autoritätsglaube, weil sich solche Menschen viel besser ihrem Arbeitgeber unterordnen und sie außerdem schön brav die Produkte der Wirtschaft kaufen, von denen ihnen die Autorität der Werbung vorher suggeriert hat, dass die Produkte für ihr Leben unbedingt nötig seien.